Schlaflos in Delme
Um 6.30 Uhr klingelt bei mir der Wecker. Das hält meinen Geist gerade aber trotzdem nicht davon ab, auf Hochtouren zu laufen. Ich kann also mal wieder nicht abschalten. Alles klar. Bei den vergangenen Wochen ist das aber auch irgendwie kein Wunder, dass sich lauter Gedankenfetzen durch mein Hirn quälen. Heute Vormittag (also streng genommen gestern) sind meine Magazine endlich fertig geworden. Drei an der Zahl. Das war enorm viel Stress und Terror. Dazu noch Launen vom Chef, Ausfälle von Kollegen und allgemein schlechte Stimmung in allen Abteilungen. Wir in der Redaktion haben uns da noch wacker geschlagen, obwohl einige Kommunikationswege mit Kunden echt kompliziert waren (und die lesen hier nicht mit; können es nicht, weil sie kein deutsch sprechen). Und das alles geistert jetzt eben noch schemenhaft in mir rum, wartet auf eine Nachbereitung mit abschließender Ablage. Ich bin also mal wieder vollkommen zerfleddert innerlich und muss erst einmal wieder ins Gleichgewicht kommen. Um das zu bewerkstelligen, habe ich mir den Donnerstag und Freitag frei genommen. Wirklich frei werde ich aber nicht haben. Mein Wäschekorb quillt über, meine Wohnung muss mal dringend geputzt werden und mein Kühlschrank ist komplett leer. Dann habe ich schon ganz lange nicht mehr für Suite 101 geschrieben und mein zu rezensierender Bücherstapel hat erschreckende Ausmaße angenommen. Am Donnerstag der Alltag, am Freitag ein paar Schreibereien. So sieht der Fahrplan aus. Aber eines wird an erster Stelle stehen: Schlaf. Davon habe ich nämlich in letzter Zeit nämlich wirklich zu wenig bekommen. In diesem Sinne, gute Nacht.
Oper im Ghetto
Nachdem vor einiger Zeit die Oper „La Traviata“ auf dem Hauptbahnhof in Zürich aufgeführt und live übertragen wurde, startet heute ein ähnliches Mammutprojekt im Alltäglichen: In einer Berner Hochaussiedlung wird „La Bohème“ zu sehen sein. Nach Verdi folgt nun also Puccini.
Die Idee an sich ist genial: holt die Hochkultur in den Alltag, macht die Oper endlich wieder massentauglich. Vor hundert Jahren noch strömten die Menschen in die Theater der Welt. Heute glotzen sie eben in die Röhre. Jetzt kann man dank der Schweizer beides miteinander vereinen.
Dahinter stecken tut aber noch viel mehr. Zum einen will man beweisen, wie lebendig Oper heute sein kann. Zum anderen schafft man so Raum für Experimente. Und man verbrennt natürlich auch wahnsinnig viel Geld. Das Hauptbahnhof-Event in Zürich war wahrscheinlich wesentlich teurer, als das jetzige Happening in Bern. Immerhin wurde hier gespielt und gesungen während der normale Zugverkehr weiterlief. In Bern vertreibt man vielleicht ein paar Kids von ihrem Bolzplatz. Da muss man nicht so sehr aufs Timing achten wie in Zürich. Das lässt einen leichten Abklatsch vermuten. Aber letztlich zählt der Wille für mich.
Außerdem gefällt mir der Populismus. Immerhin gibt es ja auch ein Musical mit dem „Bohème“-Stoff: „Rent“. Und das spielt, ja wo wohl, im New Yorker Ghetto. Da befruchten sich hier also endlich mal zwei musikalische Formen offen gegenseitig. Schöne Sache das. Und es hat schon was, den Ghettobewohnern die künstlerische Überhöhung ihrer selbst aufs Gemüt zu drücken. Ist das jetzt Diskriminierung, Gesellschaftskritik oder wahre Kunst? Wenn man „La Bohème“ richtig in Szene setzt, dann könnte das Zunder für eine wunderbare Debatte über Sinn und Sinnlichkeit des Musiktheaters, den Kulturauftrag und den gesellschaftlichen Bildungsdefiziten geben. Bleibt abzuwarten, ob das auch der Fall sein wird, oder ob eine gute Idee hier mal wieder dem Kommerz weicht.
Wer sich „La Bohème“ im Berner Ghetto nicht entgehen lassen möchte, der sollte um 20.05 Uhr heute arte gucken. Wer den Sender nicht empfängt, kann auch auf faz.net ausweichen, denn dort wird das Spektakel online übertragen.
Soll sie?
Ja, sie soll! Sie ist übrigens ich. Also soll ich? Ja, ich soll? Was soll ich? Na endlich mal Butter bei die Fische packen. Seitdem ich wählen kann, mache ich meine Kreuze bei ein und derselben Partei. Bei fast allen Programmpunkten kann ich immer nur zustimmend nicken. Und das schon seit Jahren. Warum also nicht endlich Mitglied werden?
Das größte Argument dagegen ist mein beruf. Ich bin Journalistin. Und möchte das auch bleiben. Da gehört es sich eigentlich nicht, in einer politischen Gruppierung Mitglied zu sein. Jetzt kommt das große Aber. Viele Schreiberlinge meiner Zunft favorisieren eine Partei. Unter dem Deckmantel der Objektivität wird da gemauschelt und gemurkst. Nicht umsonst unterscheidet man vor allem bei den überregionalen Blättern gerne in „links“ und „konservativ“. Mal ganz davon abgesehen, dass ich nicht über Politik schreibe. Mein beruflicher Alltag wird von verkappten Pressetexten und Fachhandelsbeiträgen bestimmt. Ab und an mal eine kleine Literaturkritik. Auf Suite 101 mache ich auch nicht in Politik. Nicht einmal Kulturpolitik. Wenn ich mich weiterhin aus diesen Diskussionen heraushalte, dann müsste doch alles im grünen Bereich sein. (Ups, das war jetzt eigentlich auch schon fast wieder ein Wortspiel *g*) Und falls es irgendwann nicht mehr konform laufen sollte, kann ich ja immer noch eine Entscheidung treffen.
Mir juckt es einfach zu sehr in den Fingern. Immerhin liebäugle ich schon seit sehr langer Zeit mit einer Mitgliedschaft. Jetzt sollte ich das endlich mal in Angriff nehmen. Nicht, dass ich groß in die Politik einsteigen möchte. Ich will eben nur etwas mehr tun, als einfach nur in regelmäßigen Abständen irgendwelche Stimmzettel anzukreuzen. Deswegen habe ich den Mitgliedsantrag nun auch schon angefordert. Dann nur noch ausfüllen und ab damit.
Über die Stimmlosen
Es hat mich ja schon sehr schockiert, dass die durchschnittliche Wahlbeteiligung gestern lediglich 72,2 Prozent betrug. Noch weniger als bei der vergangenen Bundestagswahl also. Ich habe fest daran geglaubt, dass mehr Menschen ihre beiden Kreuzchen machen würden. Immerhin wurde doch so sehr animiert, damit man geht. Lauter Werbespots wurden ausgestrahlt. Und selbst der Raab hat wieder seine Sendung dazu gemacht. Jungwähler hätten sich doch eigentlich angesprochen gefühlt haben müssen. Aber vielleicht sind die ja auch gegangen – und die Alten dann eben nicht. Wer weiß.
Ich habe eben mal ein wenig recherchiert. Hier in Niedersachsen betrug die Wahlbeteiligung 73,3 Prozent und liegt damit knapp über dem Durchschnitt. Die niedrigste Quote hatte der Wahlkreis Friesland mit 69,7 Prozent; die höchste Harburg mit 77,9 Prozent. Hier in Delmenhorst lag die Wahlbeteiligung bei 71,4 Prozent. 2005 waren es noch 78 Prozent. Alles erschreckende Zahlen das. Auch, wenn ich mit der Wahl alles andere als zufrieden bin, danke ich jedem, der seine zwei Kreuze gemacht hat. Nur so kann Demokratie funktionieren.
Auf der Arbeit haben wir auch schon wild drüber diskutiert. Was wurde da über die zukünftige Regierung gemeckert in der einen Abteilung. Dann kam aber heraus, dass die meisten gar nicht wählen gegangen sind. Und da bin ich dann explodiert. Man soll gefälligst die Fresse halten, wenn man seiner Bürgerpflicht zuvor nicht nachkommt. Wenn man seinen Arsch an einem Sonntag nicht nach draußen bewegen möchte, kann man vorher sogar Briefwahl machen. Ich bin da das lebende Beispiel für.
Am besten waren aber noch die Ausreden. Frei nach dem Motto „Die sind doch alle nichts. Da wählt man nur das kleinere Übel.“ Leute, einmal nachdenken bitte. Alle Parteien haben wahnsinnig viele Programmpunkte. Nur wenige Menschen gehen mit allen konform. Da sucht man sich doch dann die Punkte raus, die einem persönlich am Herzen liegen, die am meisten das eigene Leben beschäftigen, und vergleicht dann. Welche Partei kommt da nahe ran? Klasse war auch die Aussage, dass vergessen wurde, die Briefwahlunterlagen abzuschicken. Ah ja. Mehr fällt mir dazu nicht ein. Ein Argument lasse ich halbwegs durchgehen. Eine hat behauptet, sich vorher nicht mit der Wahl auseinander gesetzt zu haben. Uninformiert wollte sie nicht ihre Kreuzchen machen. Eigentlich eine gute Einstellung. Blöd nur, dass man sich lange genug hätte informieren können.
Dann kam noch der Einwurf, dass man besser gar nicht wählen sollte, bevor man sich nicht auskennt und eben irgendwo ankreuzt. Sehe ich nicht ganz so. Natürlich ist Unwissenheit und Halbbildung schlimm. Aber die Leute haben wenigstens versucht, sich an unserer Demokratie zu beteiligen. Sie drücken sich nicht vor einer Meinung, auch, wenn diese wahrscheinlich aufgedrückt ist. (Achtung! Wortspiel!) Natürlich ist es immer besser, zu wissen, was man warum tut. Viele haben dieses Bewusstsein aber nicht mehr. Da liegt es dann wieder an der Gesellschaft, das Interesse für Politik zu wecken.
Ich bin ja der Meinung, dass die alten Griechen recht hatten: Der Mensch ist ein politisches Wesen. Also sollten wir uns auch so verhalten! Sorry, für diesen Zeigefingertext, aber ich musste das ganz einfach mal loswerden.
Wer die Wahl hat, ….
… der sollte auch brav seine beiden Kreuzchen machen. Ich meine, wer am Sonntag nicht an die Urne geht, der hat hinterher auch kein Recht zu meckern. Da ist es mir auch prinzipiell fast egal, was ihr so wählt. Fast, weil eine Farbe für mich nun wirklich absolut nicht in Frage kommt – und die ist Braun. Ansonsten darf die Demokratie einmal lang leben, bitte.
Ich habe meine Kreuzchen bereits gemacht. Eigentlich wollte ich mir vergangene Woche meine Briefwahlunterlagen nur abholen, aber dann sagte man mir in der Gemeinde, dass ich auch gleich wählen könnte, wenn ich denn wollen würde. Wollte ich! Auch wenn ich keiner Partei angehöre, bin ich ja seit jeher eine Anhängerin der Wald- und Wiesenfarbe. Ich trage zwar schwarze Klamotten, denke aber nicht so. Und in diesem Zusammenhang gefällt mir Gelb auch gar nicht. Von den Grünen fand ich deswegen übrigens auch die Aktion mit dem Dosenwerfen witzig, auf denen schwarz-gelbe Atomzeichen draufklebten. Nette Idee und ziemlich effektiv. Besser hat mir aber noch ein Angie-Plakat hier in Delmenhorst gefallen, auf das jemand mit gelber Farbe „Mrs Burns“ raufgesprayt hat. Die Simpsons lassen grüßen.
Mag sein, dass jetzt einigen meine politischen Ansichten nicht gefallen, aber das ist mir eigentlich herzlich egal. Das ist nun mal das, womit ich am ruhigsten schlafen kann. Ich bin auf morgen schon sehr gespannt. Schwarz-Gelb wird es hoffentlich nicht. Doch damit käme schon das nächste Problem. Eine große Koalition wird sich selbst behindern. Und alles andere ist nicht sehr wahrscheinlich. Na ja. Aber ich habe mit meinen beiden Kreuzchen wenigstens meine Meinung gesagt.
Ich bin übrigens am Überlegen, ob ich mich bei den nächsten Wahlen als Helferin anmelden soll. Inspiriert dazu hat mich Anna, die das ja jetzt schon macht. Meine Mutter übrigens auch. Ich wollte schon immer mal vereidigt werden. Und wenn man in einer kleinen Gemeinde lebt, dann zählt man ja auch die Stimmzettel aus. Kommt meiner neugierigen Neigung doch sehr entgegen. Bei der nächsten Wahl bin ich also dabei.
Lied der Woche (16)
Hier dann mal ein Song aus einem meiner Lieblingsmusicals. Das Intro ist normalerweise übrigens kürzer.
B wie brillant, B wie bescheuert, B wie Blog
Warum bloggen wir? Was bloggen wir? Und wie bloggen wir es?
Mal Hand aufs Herz: Auf den meisten Blogs findet man eigentlich nur persönlichen Kram. Ich bilde da keine Ausnahme. Meine themenbezogenen Einträge sind ziemlich rar geworden. Und ein generelles Motto habe ich schon mal gar nicht (was eigentlich verdammt schade ist).
Warum tun wir aber unser Innenleben so gerne im Netz kund? Ich kann da ja nur von mir reden, denn in eurem Inneren stecke ich nun mal nicht drin. Warum also blogge ich? Zum einen plärre ich meine Meinung gerne hinaus in die Welt. Zum anderen kann ich mich dadurch selbst präsentieren. Früher war mein Blog zugleich auch mein Seelenventil. Alles und jedes habe ich da niedergeschrieben. Kein Blatt habe ich vor den Mund genommen. Das hat sich geändert, denn mein Blog ist inzwischen nur noch halb privat. Durch Facebook und Twitter besuchen Menschen diesen Blog. Menschen, mit denen ich beruflich zu tun habe. Da kann ich also nicht mehr allzu privat werden.
Würde ich das ändern, wenn mein Beruf hier keine Rolle spielen würde? Nein! So sehr ich euch alle auch schätze, die wenigsten kennen mich persönlich. Im Netz baut man sich das Bild eines Menschen aus lauter Bruchstücken selbst zusammen. Und das hat mit der Realität oft nichts gemein. Wenn man es genau nimmt, dann sind Nicole und nantik zwei unterschiedliche Personen, die nur bedingt etwas miteinander zu tun haben. Mich als Nicole bewegen manchmal ganz andere Dinge als die, die nantik in ihren Blog schreibt.
Versteht mich nicht falsch, ich liebe meinen Blog. Ich werde ihn auch weiterhin kräftig füttern. Aber er ist und bleibt eben nur ein kleiner Splitter meiner selbst. Natürlich ist es schön zu wissen, dass meine Gedanken, in Worte verpackt, gelesen werden. Ein wahrer Gedankenaustausch kann hier jedoch nur angestoßen werden. Vielleicht sollte ich mich einfach darauf konzentrieren, wieder vermehrt über spezifische Themen zu schreiben, Sachverhalten eine Öffentlichkeit zu bieten. Ach, ich weiß auch nicht.
Und um noch einem Missverständnis vorzubeugen: All die Blogs, die ich regelmäßig lese, möchte ich nicht missen. Mich interessieren all die Leben und Gedanken, Ansichten und Diskussionen. Letztlich bleibt folgende Frage: Warum bloggt ihr denn?
Jetzt gelesen (15)
„Ein wenig sterben“ von Stefan Kalbers
Ehrlich gesagt wusste ich nach der Lektüre nicht so recht, was ich von dem Roman nun halten soll. Ich war fest davon überzeugt, dass der Selbstmordversuch von Flammer im Mittelpunkt steht, und dass Georg einfach nur herausfinden möchte, warum sich sein Freund umbringen wollte. Tatsächlich dreht sich aber alles nur um den Ich-Erzähler Georg. Als dann auch noch wahlloser Drogenkonsum hinzugekommen ist, erinnerte mich das stark an den ersten Roman von Kalbers. Im Grunde ist „Ein wenig sterben“ nur ein lauer Abklatsch seines Erstlings „Atmen“. Ziemlich schade. Wie schade ich das finde, kann man in meiner ausführlichen Rezension für Suite 101 nachlesen.
„Etwas Kleines gut versiegelt“ von Svealena Kutschke
Fotografiestudentin Lisa türmt aus Deutschland nach Australien zum Ex ihres Bruders. Der Grund: Ihr Freund, der Transvestit B, hat sich das Leben genommen. Down Under macht Lisa dann so manch amouröse Erfahrungen, die allesamt das Geschlechterdenken auf den Kopf stellen und die junge Frau im Grunde auch gar nicht weiterbringen. Was bleibt, ist Ratlosigkeit – im Roman und auch bei mir. Einerseits ist die Sprache der Kutschke ja schön sperrig poetisch. Andererseits ist aber eben das auf Dauer nervig. Anfangs macht es Spaß, Lisa sagen zu hören, dass sie im Wettbewerb mit der Sonne steht – wer zuerst untergeht hat verloren. Aber solche starken Bilder verlieren im Laufe der Handlung ihre Kraft, da sie viel zu häufig verwendet werden. Eigentlich schade das. An und für sich ein zu banaler Roman, um ihn für Suite 101 zu rezensieren.
„Die Einsamkeit der Primzahlen“ von Paolo Giordano
Ich gebe ja zu, dass ich vor der Lektüre skeptisch war. Sehr skeptisch sogar. Immerhin hat Giordano mit seinem Debütroman den absoluten Bestseller 2008 in Italien verzapft. Außerdem ist er der jüngste Preisträger des Premio Strega ever. Oft wird ja zu unrecht derart heftig über den grünen Klee gelobt. In diesem Falle ist das aber alles berechtigt. Die Geschichte um Mattia und Alice, die beide als Kinder traumatisiert wurden und nun mit den Spätfolgen zurechtkommen müssen, ist bewegend und unheimlich stark. Ein wahres Meisterwerk zeitgenössischer Literatur! Deswegen gibt es natürlich auch auf Suite 101 eine ausführliche Rezension von mir.
R.I.P., Patrick Swayze
Und wieder ein Guter weniger. 2009 ist echt kein gutes Jahr für kranke Promis. Wirklich schade das.
Ruhe in Frieden, du Schwarm meiner schlaflosen Teenagernächte!
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